Ist die Arbeitswelt 4.0 eine Herausforderung für die psychische Gesundheit?

Unzuverlässige oder nicht zur Arbeitsaufgabe passende Systeme, Arbeitsunterbrechungen, steigende Leistungsanforderungen, eine zunehmende Komplexität, Mehrarbeit, Informationsflut, Zeitdruck oder Schwierigkeiten von der Arbeit abzuschalten – diese Belastungsfaktoren können zu Unsicherheit, Unzufriedenheit oder Frustration führen. Der durch digitale Technologien und Medien verursachte „digitale Stress“ gewinnt in diesem Zusammenhang an Bedeutung. Neben den oben beschriebenen Faktoren beinhaltet er auch Aspekte wie Verunsicherung, die Dauerpräsenz digitaler Technologien, die Möglichkeit der Leistungsüberwachung oder das mangelnde Erleben von Erfolgen. Digitaler Stress erweitert somit das herkömmliche Stresserleben, um Einflüsse aus dem Umgang mit digitalen Technologien.
 
Dauerhafter Stress beeinflusst – unabhängig vom Auslöser – nicht nur das Wohlbefinden sowie die physische und psychische Gesundheit negativ. Er wirkt sich auch auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit, die Arbeitszufriedenheit sowie die Bindung an den Arbeitgeber aus. Das kann die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen beeinflussen. 

Prävention von digitalem Stress in der Arbeitswelt 4.0
Um den Folgen von negativem Stress entgegenzuwirken, sind Präventionsmaßnahmen aufgrund der Komplexität des Themas sowohl auf der Verhältnis- als auch auf der Verhaltensebene notwendig. Denn Stress wird sowohl durch objektive Belastungsfaktoren als auch durch die subjektive Belastungsverarbeitung bestimmt. Im Folgenden sind Maßnahmen beschrieben, die das Potenzial haben, Stress im beruflichen Kontext in der Arbeitswelt 4.0 zu vermeiden oder zu reduzieren. 

Geeignete Technik bereitstellen 
Auf der Verhältnisebene sind verlässliche Systeme, Prozesse und Technologien sowie technische Unterstützung grundlegende Faktoren, um digitalem Stress vorzubeugen. So können Schnittstellenprobleme und Arbeitsunterbrechungen vermieden oder zeitnah gelöst werden. Grundlage, um passende Systeme oder Prozesse zu schaffen, sind Mitgestaltungsmöglichkeiten der Beschäftigten bei der Planung und Einführung digitaler Neuerungen. Durch Beteiligung werden Herausforderungen während und nach der Einführung eher erkannt und können besser gelöst werden, betont das SOFI auf Basis der Zwischenergebnisse der Begleitforschung. Lassen sich technische Gegebenheiten nicht ändern oder anpassen, kann auch personelle Unterstützung einer Leistungsintensivierung durch unzulängliche Systeme entgegenwirken.

Weiterbildung anbieten
Kompetenzen von Beschäftigten sowie deren Qualifizierungsmöglichkeiten haben im Unternehmen eine besondere Bedeutung für die Tätigkeitsausführung. Persönliche Fähigkeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten spielen auch bei der Bewältigung psychischer Belastungen eine große Rolle: Durch berufliche Qualifizierung zu neuen Technologien und Systemen lässt sich digitaler Stress reduzieren. Eine höhere Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien und Technologien wirkt sich positiv aus. Auch andere stressverursachende Faktoren wie Informationsflut, Komplexität und Verunsicherung werden durch Qualifizierungsmaßnahmen verringert.

Mitgestaltung ermöglichen
Bei der Implementierung neuer digitaler Technologien und Medien zahlt es sich aus, wenn die Beschäftigten in einem kontinuierlichen Prozess mitgestalten können. Dies fördert die Akzeptanz gegenüber neuen Technologien und ermöglicht eine effektive und passgenaue Nutzung der digitalen Neuerungen für die berufliche Tätigkeit. Durch Beteiligung besteht zusätzlich die Möglichkeit, Stress zu reduzieren. Mitgestaltung kann die Arbeitszufriedenheit, das Engagement und die Bindung an den Arbeitgeber positiv beeinflussen. Dies wird durch die Zwischenergebnisse aus der Begleitforschung durch das SOFI gestützt: Qualifikations- und branchenunabhängig beurteilen Beschäftigte mit großen Mitgestaltungsmöglichkeiten ihre allgemeine Arbeitssituation positiver als Beschäftigte ohne oder mit wenig Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Handlungsspielraum einräumen
Vorbeugung von digitalem Stress bedeutet auch, dass Beschäftigte ihre Arbeit stärker selbst organisieren. Beispielsweise sind Arbeitsunterbrechungen einer der häufigsten Stressoren am Arbeitsplatz. Zeitdruck und Stress können durch selbstgestaltete Arbeitsbedingungen, wie festgelegte, störungsfreie Arbeitsphasen oder die Möglichkeit die Tätigkeiten flexibel über den Arbeitstag oder die Arbeitswoche einzuteilen, reduziert werden. 

Gesundheitsförderlich führen
Ein gesundheitsförderlicher Führungsstil ist wichtig, auch in Bezug auf das Stresserleben der Beschäftigten. Eine Führungskraft kann Stressoren aktiv verändern und somit das Stresserleben von Beschäftigten positiv beeinflussen. Orientiert an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden können so die Rahmenbedingungen gestaltet werden. Verständnis und Unterstützung seitens der Führungskraft wirken zusätzlich stressmildernd. Zudem spielt der Crossover-Effekt zwischen Führungskraft und Beschäftigten eine Rolle: Empfinden Führungskräfte Stress, überträgt sich das auch auf die Beschäftigten. Das heißt, die Vorbildfunktion der Führungskraft beeinflusst auch den gesunden Umgang mit Stress. 

Soziale Unterstützung 
Soziale Unterstützung, Kollegialität und eine gute Zusammenarbeit im Team stellen wichtige Ressourcen zur Bewältigung betrieblicher Leistungsanforderungen und Arbeitsbelastungen dar. Sie vermitteln soziale Anerkennung, stärken das Selbstbewusstsein und geben emotionalen Rückhalt. Zudem haben die Aspekte eine positive Wirkung auf die Einschätzung psychischer und physischer Arbeitsbelastungen und auf das eigene Wohlbefinden. Die oben genannten Faktoren sind bedeutsam für die Einschätzung von Beschäftigten, die jetzige Tätigkeit bis zum Rentenalter ausführen zu können, in der Arbeit gesund zu bleiben und die Bereitschaft im derzeitigen Arbeitsbereich zu verbleiben. Eine gute Teamkultur ist die Grundlage dafür, Lösungen für Arbeitsbelastungen oder Verbesserungen in Digitalisierungsprozessen zu finden.

Individuelle Stressbewältigungskompetenzen stärken
Auf Verhaltensebene ist es wichtig, die individuelle Kompetenz für einen gesundheitsförderlichen Umgang mit Belastungen zu stärken. Das gilt sowohl für Stress im Allgemeinen als auch für digitalen Stress. Es gibt Präventionsangebote, die mehrere Stressbewältigungskompetenzen kombinieren, um Beschäftigte zu befähigen, flexibel mit Stressbelastungen umzugehen. Diese multimodalen Ansätze können die individuelle Stressbewältigung verbessern und in der Folge körperliche Beschwerden und negative psychische Empfindungen reduzieren. Beschäftigte, die Stressbewältigungskompetenzen erlernt haben, schätzen ihre Gesundheit und ihre Arbeitsfähigkeit besser ein als Beschäftigte, die über diese Kompetenzen nicht verfügen. 
 

Praxiseinblick:

Individuelle Stressbewältigungskompetenzen fördern
Im Rahmen dieses Projekts konzipierte und pilotierte die AOK Niedersachsen Angebote zur Stressbewältigung. Ein Angebot hat in der betrieblichen Praxis besonders gute Resonanz erzielt: Angelehnt an das Stressbewältigungsangebot von Dr. Gert Kaluza umfasst es mehrere Bereiche der Stressbewältigung. Durch die Teilnahme werden individuelle Stressbewältigungskompetenzen und Ressourcen der Teilnehmenden auf verschiedenen Ebenen gestärkt. So verfügen sie über ein breites Bewältigungsrepertoire und können flexibel mit Stressbelastungen umgehen.
Auch speziell zu digitalem Stress wurde ein Angebot entwickelt. In erster Linie sensibilisiert es für häufige Stressoren der digitalen Arbeitswelt. Zudem erarbeiten die Teilnehmenden auf verschiedenen Ebenen mögliche und individuelle Ansätze zur Bewältigung.

Stress im Griff
Das Programm „Stress im Griff“ unterstützt die Nutzer, ihre innere Widerstandsfähigkeit zu stärken, damit Stress gar nicht erst entsteht. In vier Wochen lernen die Teilnehmer, welche persönlichen Stressoren sie haben und wie sie gelassener mit den neuen Herausforderungen des Alltags umgehen können. Das von Experten entwickelte Programm überzeugt mit einer sehr hohen Zufriedenheitsquote von 80 Prozent.
 

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Weiterführende Literatur
Carls, K., Gehrken, H., Kuhlmann, M. & Thamm, L. (2020). Digitalisierung – Arbeit – Gesundheit. Zwischenergebnisse aus dem Projekt Arbeit und Gesundheit in der Arbeitswelt 4.0. Göttingen: SOFI.