Fachforum Gesundheit in der Arbeitswelt 4.0 am 5. März 2019

Das Innovationsprojekt „Gesundheit in der Arbeitswelt 4.0“ der AOK Niedersachsen bietet Raum für Wissensaustausch rund um die gesunde Gestaltung der Arbeitswelt 4.0. Experten aus Praxis, Wirtschaft und Forschung diskutierten beim Fachforum am 5. März 2019 in Hannover Themen wie Anforderungen an Führungskräfte in Zeiten zunehmender Digitalisierung, Gestaltungspotenziale vernetzter Produktions- und Wissensarbeit, Erfolgsfaktoren für die Gestaltung von Open Space Büros, Beteiligung in der Arbeitswelt 4.0 und steuerliche Fragestellungen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Zudem wurde vorgestellt, wie die besten Eigenschaften der „neuen Arbeitswelt" mit bekannten Erfolgsfaktoren kombinierbar sind. Die Kernergebnisse der Foren finden Sie im Folgenden.

  • New Work erfordert ein neues Führungsverständnis

    Was sind neue Anforderungen an Führungskräfte in Zeiten zunehmender Digitalisierung? Welche Instrumente und Eigenschaften braucht Führung 4.0? Dies beleuchteten Petra-Regine Mertz, selbstständige Arbeits- und Organisationspsychologin, und Katja Oehl-Wernz, Leiterin des Kundenmanagements Unternehmensdienstleistungen des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft GmbH.

    Alle Teilnehmer stimmten überein, dass die Arbeitswelt 4.0 neue Herausforderungen für Führungskräfte mit sich bringt: Kommunikation verändert sich, verschiedene Generationen haben unterschiedliche Anforderungen an Arbeit, Veränderungen werden zur Konstante im Führungsalltag. In der betrieblichen Praxis findet jedoch häufig keine ausreichende Auseinandersetzung mit den sich verändernden Herausforderungen an Führungskräfte statt.

    Gleichzeitig stellten die Teilnehmer des Forums fest: Es braucht nicht zwingend neue Führungsinstrumente. Grundlegende Aufgaben von Führungskräften, wie die Förderung von Selbstorganisation und Eigenverantwortung sowie die Übernahme von Verantwortung für die fachliche Weiterentwicklung von Beschäftigten, gewinnen an Relevanz. Auch bewährte Eigenschaften von Führung, wie Kommunikations-, Sozial- und Reflexionskompetenzen rücken in den Fokus. Diese Aufgaben und Kompetenzen sind unerlässlich, um Beschäftigte gesund durch Veränderungsprozesse zu führen und Veränderungsbereitschaft für diese zu schaffen. Führung braucht bedarfsorientierte Weiterqualifizierung und Sensibilisierung, um kompetent agieren und den Anforderungen als Vorbildfunktion und Manager in der Arbeitswelt 4.0 gerecht werden zu können.

    Individuelle Motivation und das Schaffen von „Räumen“ zur Gestaltung werden zudem wichtige Führungsaufgaben zur Entwicklung von Gesundheit am Arbeitsplatz.

  • Digitale Arbeit: Risiken und Potenziale für die Gesundheit

    Dr. Anja Gerlmaier ist Arbeitspsychologin am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen und Projektkoordinatorin im Verbundprojekt InGeMo. In ihrem Forum stellte sie aktuelle Ergebnisse ihres Forschungsprojekts vor und diskutierte mit den Teilnehmern Belastungen und Ressourcen sowie Gestaltungsmöglichkeiten digitaler Produktions- und Wissensarbeit. „Digitale Arbeit schafft neue psychosoziale Risiken, aber auch neue Gestaltungspotenziale für gesunde Arbeit, die es betrieblich zu entdecken und erschließen gilt“, so Dr. Gerlmaier.

    Im Forum stellte sie gemeinsam mit den Teilnehmern heraus, dass in den Unternehmen zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten, die die Digitalisierung eröffnet, noch nicht ausreichend genutzt werden. Optimierungspotenzial gebe es beispielsweise bei der Ermöglichung von mehr Zeitsouveränität für die Beschäftigten. Zum einen bei der Anpassung der Arbeitszeit an persönliche Bedürfnisse der Beschäftigten, zum anderen bei der Ermöglichung von Kurzpausen oder Zeiten für konzentriertes Arbeiten. Darüber hinaus ist in den Bereichen Qualifizierung, Beteiligung und Entwicklung von Beschäftigten noch viel Potenzial offen und ungenutzt. Ebenso werden Aspekte wie Gesundheitsförderungsmaßnahmen, Führungskräftecoachings oder Team-Meetings in den Unternehmen noch nicht ausreichend als Gestaltungsmöglichkeiten für die Steigerung von Wohlbefinden der Beschäftigten erkannt.

    Führungskräfte und Beschäftigte gilt es daher zu befähigen, Potenziale zur Verbesserung des Wohlbefindens zu identifizieren und gemeinsam Maßnahmen umzusetzen. Sensibilisierung zu diesen Potenzialen, Kommunikation, Beteiligung sowie die Möglichkeiten zum Reflektieren und Lernen sind hierbei Schlüsselfaktoren.

     

  • Open Space Arbeitswelten gesund gestalten

    Dr. Nick Kratzer, Arbeitssoziologe am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. München stellte in seinem Forum derzeitige Entwicklungstrends der modernen Arbeitsplatzgestaltung vor und fokussierte Wahrnehmung und Wirkung neuer Open Space Arbeitswelten. Die Teilnehmer diskutierten, welche Be- und Entlastungsfaktoren mit einem Open Space Büro verbunden sind und welche Maßnahmen Belastungen der offenen Büroumgebung reduzieren können.

    Im Forum zog Dr. Kratzer die Zwischenergebnisse seines Projekts PRÄGEWELT hinzu. „Das perfekte Open Space gibt es nicht – aber bessere und schlechtere“ fasste er als zentrales Ergebnis zusammen. Die Unternehmen müssen dabei entscheiden, ob diese Form der Bürogestaltung zu den Tätigkeiten ihrer Beschäftigten passt. Gleichzeitig sollten Erfolgsfaktoren für die Umorganisation sowie Gestaltung hin zum Open Space Büro berücksichtigt werden. Dazu zählt nicht nur die Gestaltung des Open Space, sondern auch das Anbieten von Raumalternativen sowie die aktive Förderung einer lern- und experimentierfreundlichen Kultur.

     

  • Beteiligung ist in der Arbeitswelt 4.0 unabdingbar

    Das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen e.V. (SOFI) begleitet das Innovationsprojekt „Gesundheit in der Arbeitswelt 4.0“ der AOK Niedersachsen mit einer unabhängigen Studie. Dr. Martin Kuhlmann, Arbeitssoziologe am SOFI, stellte in seinem Forum erste Erkenntnisse aus dem Projekt vor. Er diskutierte mit den Teilnehmern, warum Beteiligung in der Arbeitswelt 4.0 unabdingbar ist und wie diese in der Praxis umgesetzt werden kann.

    Alle Teilnehmer des Forums waren sich einig: Um die Digitalisierung technischer und organisatorischer Prozesse bestmöglich umzusetzen und Potenziale nutzbar zu machen, sollte eine systematische und breite Beteiligung der direkt von Veränderungen betroffenen Beschäftigten stattfinden. Auch Führungskräfte, Personalabteilungen sowie Betriebs- und Personalräte nehmen in der Gestaltung von Veränderungsprozessen eine zentrale Rolle ein.

    Die Relevanz der Beteiligungsorientierung ist in der Arbeitswelt nichts grundlegend Neues. „Beteiligungsorientierte Konzepte der Arbeitsgestaltung werden jedoch immer wichtiger“, so der Wissenschaftler. Damit Beteiligung in der Praxis gelingen kann, sollten Erwartungen geklärt, relevante Akteure zusammengebracht, Rollen und Verantwortlichkeiten definiert, Transparenz gegeben und Möglichkeiten zum Experimentieren und Lernen gegeben sein. Als Problemstellung hob Dr. Kuhlmann hervor, dass Unternehmen oftmals unzureichend auf diese Gestaltungsaufgabe vorbereitet seien. Hier liege noch viel Entwicklungspotenzial.

     

  • Steuerliche Fragestellungen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement

    Benjamin Kleist, Steuerberater und Senior Manager im Bereich People Advisory Services bei Ernst & Young, stellte in seinem Forum vor, in wieweit steuerbegünstigte Zuwendungen – insbesondere im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements – in der Praxis Anwendung finden können. Darüber hinaus diskutierte er mit den Teilnehmern wie Unternehmen Steuerbegünstigungen nutzen können, um die eigene Position zu stärken, Beschäftigte zu motivieren oder zusätzliche Anreize zu schaffen.

    Kernergebnis des Forums war, dass steuerrechtliche Möglichkeiten einen Beitrag zur langfristigen Steigerung von Beschäftigtenmotivation und -bindung leisten können. Dies sei insbesondere im Kontext der sich verändernden Ansprüche der Arbeitnehmer an Arbeitgeber hinsichtlich mehr Flexibilität, Mobilität und einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben relevant. Auch in Bezug auf den Fachkräftemangel in einigen Branchen können diese Möglichkeiten einen Vorteil für Unternehmen darstellen.

    Darüber hinaus waren sich die Teilnehmer des Forums einig, dass die Entscheidung für Betriebliches Gesundheitsmanagement unabhängig von steuerlichen Zuwendungen getroffen werden sollte. Erst dann sei zu prüfen, welche der vielfältigen steuerrechtlichen Gesetzgebungen diesen Schritt aus finanzieller Perspektive unterstützen können. Dafür sei insbesondere eine Vernetzung der Akteure des Gesundheitsmanagements mit der Personalabteilung, bzw. mit Ansprechpartnern für lohnsteuerrechtliche Fragestellungen im Unternehmen erforderlich.

     

  • Digitalisierung – Das Beste aus zwei Welten

    Dr. Hendrik Harren, CEO bei Disrptive, erörterte in seinem Vortrag was die besten Eigenschaften der „alten“ und „neuen“ Arbeitswelt sind und wie die Integration des Besten beider Welten gelingt. Es gilt sich den besten Charakteristiken der Arbeitswelten bewusst zu machen und zu bedienen, um Unternehmen erfolgreich digital zu transformieren.

    Mit anschaulichen Beispielen zeigte Dr. Harren wie er zahlreiche internationale und digital arbeitende Unternehmen im Aufbau unterstützt hat. Dabei erörterte er, dass der Raum für Persönlichkeits- und Fähigkeitsentwicklung, Gründererfahrung sowie ein Netzwerk bewährte Erfolgsfaktoren für den Aufbau eines Unternehmens sind, die es auch in der „neuen“, zunehmend digitalisierten, Arbeitswelt zu erhalten gilt. In der neuen Arbeitswelt braucht es jedoch auch „neue“ Erfolgsfaktoren wie Mut, um schnellen Fortschritt zu ermöglichen. „Anfangen statt planen” sei ein wichtiger Leitgedanke in der neuen Arbeitswelt, so Dr. Harren. Zudem sind eine ausgeprägte Fehlerkultur sowie Raum zum Experimentieren und Lernen zentrale Aspekte, um in der neuen Arbeitswelt 4.0 erfolgreich zu sein.

     

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